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Wie kommen die Worte aufs Papier? So schreibt man eine gute Rede für eine freie Trauung!

Strauß & Fliege wollte wissen, wie Johann-Jakob seine wunderschönen Hochzeitsreden schreibt. Und Johann lässt uns heute ein wenig hinter die Kulissen schauen. Wie arbeitet er? Wie kommt vielleicht eure Rede aufs Papier?

Rede für eine freie Trauung
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Wie darf man sich Dich beim Reden schreiben vorstellen?

Ich sitze zu Hause an meinem Schreibtisch…ganz klassisch. Ich brauche dann ein bisschen Ruhe, manchmal gute Musik. Wichtig ist, dass ich zu Hause kommuniziere: Ich brauche jetzt Zeit für mich, bitte nicht stören…! Ich will ja auch eintauchen in die Rede, formell und symbolisch. Ich muss auf die Länge und die Struktur achten, meine Bilder und Metaphern sammeln und dann loslegen. Das schwerste ist eigentlich immer, mein Notizbuch zu lesen. Meine Schrift ist für mich selbst manchmal ein Rätsel und bei den Gesprächen muss ich manchmal sehr schnell mitschreiben. Am Ende merke ich dann eigentlich immer: Mist, das ist zu lang. Es ist gar nicht so einfach zu entscheiden, welche Punkte aus dem Leben eines Paars man einbaut und welche man weglässt.

Irgendwie erscheint alles wichtig. Und dann arbeite ich immer wieder ein bisschen dran. In der Überarbeitung passe ich dann die Übergänge an und streiche ein wenig Kitsch raus – das passiert beim Thema Liebe ziemlich schnell, dass man kitschig wird. Man kann so eine Rede auch nicht Monate im Vorfeld fertig haben. Bei meinem letzten Paar hieß es auf einmal: Ich bin schwanger…tja, und das muss dann natürlich irgendwie noch in die Rede…Gut ist aber immer, den Text nochmal einige Tage liegen zu lassen. Dann fallen einem meist nochmal wichtige Dinge ein. Für mich ist auch immer sehr wichtig, dass ich die Rede mehr oder weniger auswendig kann. Ich spreche sie also mehrmals vor dem Spiegel durch. Dadurch fallen auch Unstimmigkeiten etc. auf.

Wie lange dauert es ungefähr, eine Rede zu schreiben?

Ich plane schon mit insgesamt 8-10 Stunden. Nicht am Stück, klar. Meist schreibe ich große Teile an verschiedenen Tagen und bringe diese dann zusammen. Eine Rede zu schreiben, ist wie ein Prozess. Ich bin schon viel im Alltag mit meinen Gedanken bei den Reden. Das ist gar nicht so einfach, schließlich habe ich noch andere Dinge im Kopf und in meiner eigentlichen Arbeit viel tun. Aber man hört nicht auf, über die Rede nachzudenken, nur weil die Worte geschrieben sind. Ich verarbeite und fange an, mir Sachen zu merken, damit ich die Rede viel freier halten kann. Kurz vor der Hochzeit übe ich dann nochmal laut – und dann kann es eigentlich losgehen!

Rede für eine freie Trauung
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Holst Du Dir manchmal noch eine zweite Meinung?

Unterschiedlich, aber eher nein. Am Anfang habe ich das gemacht, aber jetzt nicht mehr. Wenn wirklich jemand sagt, zum Beispiel ein Trauzeuge: “Lass mich nochmal drüber lesen”, dann gebe ich die Rede gerne noch einmal ab. Aber ich arbeite meine Notizen aus den Gesprächen ein und die Rede an sich soll ja auch eine kleine Überraschung sein. Einmal ist mir ein kleiner Fehler passiert:…ich habe gesagt, dass jemand Mathe studiert hat und es war Physik…alle haben mich angeschaut und dann habe ich einen kleinen Witz gemacht, dass das für mich als Geisteswissenschaftler leider das Gleiche ist. Alle haben gelacht und dann war es auch wieder gut. Es hat niemanden gestört. Im Gegenteil: Es war menschlich und spontan. Das lockert eher noch auf.

Die Frage, welche Infos kommen in die Rede und welche nicht, ist aber schon wichtig, weil manche Paare wirklich Themen haben, die nicht für die Öffentlichkeit sind, sie aber im Kern auszeichnen. Schwierige Familienkonstellationen und ihre Meinung dazu sind z.B. so ein Fall.

Was kann man sagen, wenn Großeltern und Eltern sich nicht ausstehen können, alle schon geschieden sind und jetzt müssen die auf einer Hochzeit zusammen sitzen und sehen, wie ihre Kinder – in ihren Augen – einen großen Fehler machen, da Ehe eh nichts bringt…diese Informationen brauche ich, um meine Rede vorzubereiten und um das Paar zu verstehen.. Aber ich muss wissen: Diese Themen brauche ich während der Zeremonie nicht ansprechen. Einige haben auch schon Todesfälle in ihrer Familie zu beklagen. Das hat massive Auswirkungen auf die Paarbeziehung gehabt. Es ist also wichtig, es zu erwähnen, aber ich muss da sehr vorsichtig sein.

Ich rede also eher vorher mit dem Brautpaar und sage: Bitte erzählt mir alles, was ihr erzählen könnt. Seid so privat wie möglich, nicht intim! Und dann sagt mir ehrlich: Wo sind Fettnäpfchen, wo muss ich aufpassen. Und das beachte ich dann natürlich auch. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen!

Foto – Melanie Meißner
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