Kjel Fiedler steht seit vielen Jahren als Schauspieler, Moderator und Improvisationskünstler auf der Bühne. Als Trauredner in Berlin und Brandenburg nutzt er diese Erfahrung jedoch nicht, um eine Show zu inszenieren. Im Gegenteil: Bei einer Freien Trauung geht es ihm darum, den Menschen und ihrer Geschichte möglichst nahe zu kommen.
Im Interview erzählt Kjel, warum die Vorbereitung für viele Paare zu einer intensiven Rückschau auf ihre Beziehung wird, wie Humor respektvoll funktioniert und weshalb auch schwierige Erfahrungen einen Platz in einer Traurede haben können.
Kjel, du stehst seit vielen Jahren auf der Bühne. Was ist bei einer Freien Trauung anders als bei einer Show?
Das ist tatsächlich ziemlich anders. Wenn ich auf einer Bühne stehe, bin ich eigentlich nie ganz ich. Da ist immer auch eine Persona, manchmal ein Charakter. Privat bin ich eher schüchtern, was man wahrscheinlich nicht unbedingt vermuten würde. Aber sobald ich die Bühne betrete, verfliegt das. Dann bin ich kraftvoll, wortgewandt und spontan. Die Bühne schützt mich irgendwie.
Bei einer Trauung ist das anders. Da bin ich viel näher an den Menschen und mehr ich selbst. Improvisation und Comedy leben vom Moment: Etwas passiert, ich reagiere darauf und danach ist dieser Moment vorbei. Eine Hochzeit hat für zwei Menschen jedoch eine ganz andere Bedeutung. Sie ist ein Schwellenmoment in ihrem Leben.
Auch die Vorbereitung ist eine andere. Ich verbringe viel Zeit mit zwei Menschen und ihrer Geschichte. Ich höre zu, frage nach und arbeite anschließend mit diesem Material. Aber diesmal ist das Material ihr Leben. Irgendwann stehe ich damit vor ihnen, ihren Freunden und ihren Familien und erzähle ihre Geschichte. Das ist für mich persönlicher und intensiver.
Gleichzeitig hilft mir alles, was ich in vielen Jahren auf der Bühne gelernt habe. Wenn ein Sonnenschirm wegfliegt, ein Wolkenbruch kommt oder ein Kind während der Rede mit seinem Auto um mich herumfährt, bringt mich das nicht aus der Ruhe. Ich kann es aufnehmen, damit spielen und danach wieder in die Geschichte zurückfinden.
Ich weiß, wie man einen Scherz setzt. Ich weiß aber auch, wann man ihn nicht setzt, wie ein witziger Moment neben einem berührenden stehen kann und wann man einen stillen Moment einfach stehen lässt. Ich kann Pausen setzen und sie aushalten. Und ich bin ein verdammt guter Erzähler. Das hat ganz sicher mit all den Jahren auf der Bühne zu tun.
Vielleicht ist das der größte Unterschied: Auf der Bühne hilft mir mein Handwerk, eine Rolle einzunehmen. Bei einer Trauung hilft mir dasselbe Handwerk, den Menschen besonders nahe zu sein.

Viele Paare beschreiben die Vorbereitung mit dir als intensive Rückschau auf ihre Beziehung. Was kann ein solches Gespräch auslösen?
Ich glaube, dass diese Rückschau der eigentliche Kern meiner Arbeit ist. Daran denken viele vielleicht gar nicht, wenn sie einen Redner buchen. Sie denken an die Rede. Aber ich spreche nicht von irgendetwas und auch nicht einfach über sie. Ich erzähle ihre Geschichte – und dafür müssen sie sie mir erzählen.
Mich interessieren dabei weniger die Hobbys. Mein Fokus ist: Wie hat es angefangen? Was ist passiert, dass ihr nun bis zum Schluss miteinander sein wollt? Das ist eine große Entscheidung. Also ergibt es Sinn, sich den Weg dorthin anzuschauen.
Wann setzt man sich sonst gemeinsam hin und fragt sich wirklich: Wie war das damals? In welcher Lebenssituation war ich? Wann habe ich mich verknallt – oder feststellen müssen, dass ich mich total verknallt habe? Wie ist es dazu gekommen, dass ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen kann oder will?
Weil ich von außen komme und vieles nicht weiß, frage ich manchmal bei Dingen nach, die für beide längst selbstverständlich sind. Dann hört vielleicht einer der beiden plötzlich etwas, das er noch gar nicht wusste: Du hattest bei unserem ersten Treffen eigentlich keine Lust und bist nur aus Höflichkeit geblieben? Du fandest mich vom ersten Moment an aufregend? Warum hast du das nicht ein Jahr früher gezeigt?
Manchmal geht es auch um Dinge, die nicht nur schön waren. Beim gemeinsamen Zurückspulen entsteht vielleicht ein Gedanke, den man vorher noch nicht hatte. Etwas wird verständlicher oder lässt sich neu einordnen.
Während wir so durch die gemeinsame Geschichte gehen, lachen die beiden miteinander und über sich selbst. Sie wundern sich über den anderen, manchmal auch über sich. Eine Geschichte, in der sie die ganze Zeit mittendrin waren, liegt auf einmal vor ihnen – vielleicht zum ersten Mal.
Sie sehen, wo sie richtig abgebogen sind, wo sie nicht locker gelassen haben, wo sie überrascht wurden und miteinander gewachsen sind. Oft erkennen sie dabei zum ersten Mal, wie großartig ihre gemeinsame Geschichte eigentlich ist. Wenn sie gehen, sind sie meistens ein bisschen glücklicher. Manchmal fast frisch verliebt.
Wie gelingt es dir, dass sich Menschen dir gegenüber so schnell öffnen?
Ich glaube, da passiert bereits einiges, bevor wir mit dem eigentlichen Gespräch anfangen. Wir hatten vorher schon ein Vorgespräch. Wenn sich ein Paar danach für mich entscheidet, gibt es bereits Sympathie und einen gewissen Vertrauensvorschuss. Den nehme ich einfach an.
Ich begegne den beiden so, wie ich auch Freunden begegnen würde. Nicht im Sinne von: Wir sind jetzt Freunde. Aber mit derselben Selbstverständlichkeit.
Wir setzen uns nicht hin und ich sage: So, jetzt erzählt mir eure intimsten Geheimnisse. Erst einmal kommen wir an, trinken einen Kaffee oder etwas anderes und reden ein bisschen. Irgendwann fangen wir an. Durch meine Arbeit habe ich mich daran gewöhnt, auf Menschen zuzugehen und ihnen die Hemmung vor einer solchen Situation zu nehmen. Dann reden wir eben. Vielleicht ist es tatsächlich gar nicht viel komplizierter.
Humor gehört deutlich zu deinen Trauungen. Wie findest du heraus, was zu einem Paar passt?
Ich bringe natürlich einen Humor mit, der mir eigen ist und mit dem ich durch mein Leben gehe. Humor macht vieles einfacher. Oder er hilft zumindest für einen Moment, die Perspektive auf etwas zu wechseln. Wenn man über etwas lachen kann, ist es manchmal nur noch halb so schlimm. So bin ich aufgewachsen.
Durch meine Arbeit im Improvisationstheater habe ich mich intensiv mit Humor beschäftigt. Uns interessierte dabei weniger der Schenkelklopfer als die Diskrepanz zwischen dem, was ein Mensch eigentlich will, und dem, was er am Ende hinbekommt. Wir wollen etwas unbedingt richtig machen und machen es, wenn es darauf ankommt, aus Versehen oder vor lauter Aufregung erst recht falsch.
Genau solche Widersprüche finde ich komisch: die Lücke zwischen dem, wie wir gern wären, und dem, was wir tatsächlich schaffen. Dabei schwingt immer die Botschaft mit: Wir sind leider nicht perfekt – jedenfalls nicht immer.
Diesen Blick auf Menschen nehme ich in eine Traurede mit. Auch in einer Liebesgeschichte sind es häufig gerade die kleinen Unzulänglichkeiten, Umwege und merkwürdigen Momente, die sie besonders machen. Deshalb baue ich nicht strategisch irgendwelche Gags ein. Der Humor ergibt sich aus den Geschichten selbst.
Meistens zeigt sich bereits im Gespräch, worüber wir gemeinsam lachen können. Ich lache mit allen meinen Paaren – über sie, aber genauso über mich und meine eigenen Marotten und Unsicherheiten. Wichtig ist mir, dass der Humor immer wertschätzend bleibt: mit einem Augenzwinkern und nie auf Kosten eines Menschen.
Natürlich bleibt es eine Gratwanderung. Habe ich die beiden gut gezeichnet? Wann wird etwas zu intim? Funktioniert etwas, das zwischen uns drei wahnsinnig komisch war, auch für Menschen, die die Geschichte nicht kennen? Da verlasse ich mich auf mein Gespür und auch auf das meiner Freundin. Sie hört jede Rede, bevor sie gehalten wird. Weil sie bei solchen Dingen vorsichtiger ist als ich, ist sie eine gute Ratgeberin.
Am Ende ist mir nicht wichtig, dass eine Rede möglichst viele Gags hat. Sie soll das Paar und seine Geschichte gut abbilden. Manche Reden sind witziger, andere romantischer oder stiller. Ich habe kein Raster und schreibe jede Rede von Grund auf neu.
Was reizt dich an der Vielfalt von Berlin und Brandenburg?
Ich weiß gar nicht, wie entscheidend diese Vielfalt am Ende noch ist, wenn zwei Menschen vor mir sitzen, die sich gefunden und beschlossen haben, ihr Leben miteinander zu verbringen.
Ich bin in Frankfurt (Oder) in Brandenburg aufgewachsen. Dort gibt es einen sehr speziellen Humor und manchmal einen ganz eigenen Umgang miteinander. Später habe ich in Hamburg gelebt, mit wieder anderem Humor, anderen Werten und einer anderen Art des Miteinanders. Dann kam ein Jahr in Mexiko hinzu – mit einer völlig anderen Betrachtung des Lebens, der Welt und auch der Spiritualität. Und schließlich Berlin: ein Schmelztiegel verschiedenster Menschen und Lebensentwürfe.
Aber am Ende verlieben sich zwei Menschen. Sie gehen miteinander weiter, wachsen zusammen und schaffen aus zwei unterschiedlichen Welten eine gemeinsame Schnittmenge. Irgendwann entscheiden sie, dass sie genau das auch weiterhin wollen. Dann sitzen sie bei mir.
Den Unterschied macht manchmal der Kontext, gerade wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen oder mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen. Dann gibt es Dinge, die für ihre Geschichte wichtig sind und die ich zunächst verstehen muss. Dabei verlasse ich mich auf das Paar. Beide wissen, was erzählt und erklärt werden sollte und was nur ihnen gehört.
Sie ziehen die Linien, innerhalb derer sich die Rede bewegt. Manchmal geben sie mir auch ganz bewusst Botschaften mit, die sie durch mich ihren Familien oder Freunden erzählen wollen.
Bei all den Unterschieden finde ich immer wieder spannend, wie ähnlich wir uns sind: Wir sind aufgeregt, unsicher, total verknallt oder euphorisch. Wir machen uns Gedanken und Fehler, raufen uns zusammen und versuchen, miteinander klarzukommen. Vielleicht sind diese Geschichten deshalb immer gleich und immer gleich unterschiedlich. Wie wir.
Wer sich einen Überblick über die Möglichkeiten in der Region verschaffen möchte, findet auf unseren Seiten weitere Informationen zur Freien Trauung in Berlin und zur Freien Trauung in Brandenburg
Wie erzählst du von schwierigen Erfahrungen, ohne dass die Trauung ihre Wärme verliert?
Ich frage vorher immer, was in die Rede darf und was nicht. Das Paar bestimmt den Radius. Grundsätzlich erzähle ich aber auch von schwierigen Phasen. Warum auch nicht? Beide haben sie gemeinsam bewältigt. Sonst säßen sie nicht bei mir. Am Ende sind das ihre Erfolge und damit ein Teil ihrer Geschichte.
Eine Beziehung geht immer auch mit Kompromissen einher, mit Ängsten und der Frage, wie man damit umgeht. Es gibt Fehler, falsche Entscheidungen oder Situationen, in denen man die Grenzen des anderen erst lernen musste. Manchmal passieren Dinge, die niemand entschieden und niemand sich ausgesucht hat, die aber trotzdem Teil der gemeinsamen Geschichte werden.
Was feiert man bei einer Hochzeit? Nur den Ring? Oder auch die Liebe, das Geschaffte und das, was man miteinander aufgebaut hat? Dieser Weg ist immer mit persönlichem Wachstum verbunden – und Wachstum schließt Fehler ein.
Entscheidend ist, wie man davon erzählt. Ich ordne Dinge ein und gebe ihnen manchmal einen anderen Rahmen, sodass beide noch einmal neu darauf schauen können. Bei sehr schwierigen Geschichten besteht meine Aufgabe darin, die richtigen Worte zu finden. Manchmal so, dass nur das Paar selbst weiß, was gemeint ist. Manchmal so, dass Eltern oder Freunde Entscheidungen besser verstehen können.
Bei Dingen, die man sich nicht ausgesucht hat, geht es nicht darum, sie positiv umzudeuten. Auch sie können Teil einer gemeinsamen Geschichte sein. Dann gilt es, ihnen genau den Raum zu geben, den das Paar ihnen geben möchte – oder sie wegzulassen.
Bei allem vergesse ich nie, weshalb wir an diesem Tag zusammengekommen sind. Es ist eine Hochzeit. Sie darf leicht und feierlich sein. Und natürlich darf und soll gelacht werden. Das ist mein Ziel. Immer.
Eine Traurede mit Leichtigkeit und Tiefgang
Wie gut diese Verbindung aus Humor, Nähe und Ernsthaftigkeit gelingen kann, zeigt auch die Hochzeit von Martin und Tobi im Berliner Spreespeicher. Ihr Eindruck von Kjels Rede bringt seinen Anspruch auf den Punkt: Leichtigkeit und Tiefgang dürfen nebeneinanderstehen.

Wenn ihr Kjel kennenlernen möchtet, findet ihr weitere Informationen, Bilder und Eindrücke auf seinem Profil als Trauredner für Berlin und Brandenburg
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